Session “Öffentlich-rechtlicher Rundfunk 2.0”

Sessiongeber / Eckdaten

Christoph Bieber
Twitter: @drbieber
Art der Veranstaltung: Diskussion
Zeit / Raum: 12:00 / Raum R
Teilnehmerzahl: 15-20
Protokoll: Tanja Laub

Verlauf / Inhalte der Session

Ausgangslage (Um was geht es in der Session?)

Christoph Bieber ist seit 2013 Mitglied im Rundfunkrat und berichtet über den geplanten Jugendkanal der öffentlich-rechtlichen Sender.
Hier soll ein neues Sendeangebot für junge Zielgruppe soll aufgebaut werden. Das Thema ist aus der Verlegenheit entstanden, dass die Zuschauer veralten und dass man festgestellt hat, dass in dem Internet mehr gemacht wird als nur zu mailen und zu chatten – es werden auch Medien konsumiert. Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis: Weiteres Angebot für die jüngere Zielgruppe dort anbieten, wo sich diese aufhält.

Fragen (Welche Fragen / Probleme gibt es)?

Erste Skizzen waren noch nach bekannter Struktur in einer Zeitschiene eines Tages- und Wochenplanes aufgebaut, aber die grundlegende Fragestellung war immer: Wie kann man ein neues Sendeschema füllen das über das Internet verbreitet wird?

Wie kann man als aktiver Autor den Sender miteinbinden? Die Struktur formiert sich: Im Sommer soll die offizielle Beauftragung von den Ländern erfolgen.

Immer wieder gab es Experimente der ÖR Sendeanstalten. Meist waren es Angebote von jüngeren Mitarbeitern. Beim WDR wurde dies bis zur Praktikantenebene runtergebrochen. Beispiel #360 und andere Aktionen auf Instagram und YouTube. Derartige Projekte sind innovativ aber gehen nicht durch die Decke. Accounts haben noch nicht viele Follower. Bieber selbst hat mit seinem Twitter-Account mehr Follower. Betriebsamkeit ist vorhanden und die Sender wissen, sie müssen was tun. Sie sind ambitioniert aber noch hilflos.

Es herrscht immer noch das Grundverständnis: Sender – Empfänger. Ist es realistisch dies zu ändern? Wenn nicht was kann man tun? Wie erreicht man die jüngeren Zuschauer?

Auch im ÖR kann man in Zukunft nicht ohne das Internet denken. Man muss sich etwas überlegen: welches Format kann es sein? Es ist schwierig qualifiziertes Feedback zu bekommen, auch im Ausland gibt es keine guten Beispiele.

Ideen (Welche Lösungen wurden vorgeschlagen)?

Nadia Zaboura: #BBC Democracy Day ist ein Best Practice Beispiel über alle Kanäle hinweg. Der Ansatz Sender – Empfänger ist zu klein gedacht, man muss eher aus Themensicht denken z.B. Doku über Netzneutralität und dies crossmedial nutzen.

Jens Best: Das Thema muss man koordiniert angehen. Hinterherhecheln bringt nichts. Beispiel Wikipedia: Menschen kommen gerne zu einem Thema zusammen, aber sie brauchen eine Deadline. Diese darf nicht „in 5 Minuten“ heißen, aber es muss ein konkretes Ziel geben. Die Bruchlinie muss mit Schulen und nicht mit den Digital Nerds gefunden werden. Wenn Digital es nicht schafft die Jugend zu erreichen, dann bringt es nichts. Gesichter sind notwendig. Man folgte eher jemandem, den man kennt statt jemandem, der gerade mal 5 eine Idee hatte.
Er glaube daran, dass der ÖR einen Wert für die Öffentlichkeit besitzt. Da alle bezahlen müssen, müssen aber auch alle erreicht werden. Dem ist aber heute nicht so. Wichtig ist, sich auf den Weg zu machen, dass sich etwas ändert, aber die Art und Weise ist irritierend. Idee, den Beitrag an andere zu geben, die den Auftrag besser erfüllen. 100% werden bezahlt aber es werden nicht 100 % ausgeliefert – Idee ist sehr umstritten.
Idee des Jugendkanals kam von ARD / ZDF. System hat es aber bisher selbst kaputt gemacht. Eine erste Idee war Baden Baden als Standort zu wählen. Dies zeigt schon falsche Herangehenweise an das Thema. Uns, dem Zuschauer, wird es egal sein wann wo und wie uns die Inhalte erreichen. Die Denke in den Anstalten ist aber noch veraltet. Aktuelle Denke: Was kann das Netz für mein Thema tun. Es sollte aber die Frage sein, alles spielt sich im Netz ab, wie kann ich dort meine Themen abspielen. Die Nutzer sollten entscheiden. Digital bietet mehr Möglichkeiten Inhalte zur Verfügung zu stellen und diese zu konsumieren. Hoffnung, dass Bürokratie des Systems nicht den Raum zum Atmen nimmt.

Nicht namentlich bekannter Teilnehmer: Ich bezahle gerne Beiträge für die Spartenkanäle, aber nicht für das Hauptangebot der ÖR. Die Frage die sich stellt: Wie verändert das Internet das Fernsehverhalten? Die Idee das Fernsehen zu verlassen und ins Internet zu gehen ist okay auch wenn anfangs der Gedanken aufkommt ob man wirklich noch einen Spartenkanal braucht. In diesem Zusammenhang muss man sich auch die Frage stellen: Braucht man noch einen neuen Seniorenkanal, da dies eine große Zielgruppe ist?

Matthias Bock: Warum will das machen? Will ich auf Youtube präsent sein, da ich dort mehr Leute erreiche? Was ist das Ziel und was ist Jugend? Ist 30+ jung? Wie bereite ich Inhalte auf? Wunsch wäre, dass man das eigene Programm selbst zusammenstellen kann: Zuerst 5 Minuten von „hart aber fair“ schauen und dann weg vom aktuellen Programm hin zu vertiefenden Interview zu bestimmtem Thema das einen interessiert. Zuschauer stellen sich Programm selbst zusammen. Beispiel: Y-Titty – Mitmacheffekt ist noch nicht angekommen. Warum bestimmen nicht die Zuschauer wer der nächste Interview Gast wird? Frage der Verfügbarkeit: Warum geht man ins Internet, wenn die Inhalte nicht auf xy Jahre dort verfügbar sind?

Alexander Vogt: Es muss Druck von Gremien und Rundfunkrat kommen, damit ÖR Verpflichtung nachkommen. Sehgewohnheiten sind heute nicht mehr linear. Viele nutzen nur noch Fachebook und die weitere Umgebung ist nicht mehr bekannt. ÖR kann Inhalte transportieren und Diskussion anregen und so das Blickfeld neben den großenamerikanischen Inhalten erweitern. Wer soll es schaffen wenn nicht die ÖR? Teil der Gebühren sollte genutzt werden, um Kinder und Jugendliche an freies und unabhängiges Netz außerhalb von Facebook heran zu führen.

Nicht namentlich bekannter Teilnehmer: Werden ÖR noch gebraucht? Qualitativen Journalismus bekomme ich auch woanders. ÖR sind vertrocknet durch den Luxus, dass die Gebühr so oder so kommt. Die Sender sind stecken geblieben und die Gremien überlegen was könnte dem Sender nutzen, anstatt umgekehrt. Schwierig, dass die Politik Druck machen soll. Der Luxus der Gebühren hat träge gemacht– ÖR haben keinen Mut. Das Quotenargument: Monika Piehl hat Relevanzquote ins Spiel gebracht. Das ist ein guter Gedanke aber wie ist das messbar? ÖR haben für viele keine Relevanz mehr.

Johannes Mirus: Der Jugendkanal will was ausprobieren. Das ist keine Frage nach dem Medium an sich, sondern es geht um Inhalte. BBC ist ein gutes Beispiel. Sie versucht im Gegensatz zu #360 nicht künstlich etwas neu zu machen. Nicht kopieren, sondern den Vorteil nutzen, dass man etwas testen kann. Es geht um Inhalte.

Nicht namentlich bekannter Teilnehmer: Diskussionen in ÖR Gremien geht an der Wirklichkeit vorbei und hinkt hinterher. Man muss das Rad nicht neu erfinden, es ist alles da. Nicht gespielte Authentizität wie bei #360 und nicht kopieren, sondern da ansetzen wo die Zielgruppe ist. Aktuell: verkopfte Konzepte, die sonst keinen interessieren aber Grimme-Preis gewinnen.

Christoph Bieber: Man weiß das da was passiert und wie es sein sollte. Warum gelingt es nicht andere Wege der Inhalts(weiter)vermittlung umzusetzen. Warum ist das so?

Jens Best: Es gibt einen Medienführerschein auf Konsumentenebene: Wie kann ich Internet konsumieren. Hinzu muss ein Produzentenführerschein kommen – 90:9:1Regel. Die 9% die ab und an was machen, denen muss man einen Rahmen geben. Die kommerziellen Unternehmen sind diesen Weg gegangen z.B. Webvideopreis, Mediakraft. Relevanz nicht nur außen, sondern auch was man innen ableitet.

Nadia Zaboura: Intern ist der Wandel angekommen. Im Kopf. Aber woran liegt es. Strategie?
Da muss man ansetzen. Konvergente Trends sind schon länger offensichtlich. Warum ist noch nichts passiert?

Christoph Bieber: Rechtliche Limits und übergeordnete Strukturen schränken den Wandel ein. Dinge im Wandel brauchen Zeit.
Zu 50% der Jugendlichen besteht kein Kontakt, da man die Sprache nicht spricht. Bsp.: Portal für Jugendamt. Leute wollen Projekte behalten und versuchen am besten durchzukommen auch wenn sie es nicht am besten umsetzen können.
Externe Rahmenbedingungen haben Einfluss. Frühere Ausrichtung: ÖR soll Raum des neuen Mediums nicht auch erobern. Irgendwann wird eine gesamtgesellschaftliche Debatte notwendig sein, darüber welchen Auftrag ÖR in diesem Wandel hat. Beiträge anders verteilen?

Links

#BBC Democracy Day
Y-Titty 

Dieses Protokoll ist Teil der Session-Dokumentation zum NetzpolitikCamp (11.03.15, Düsseldorf).

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